Ende der letzten Woche gab es in der TDN eine Befragung mehrerer Zucht- und Vollblutexperten zum Thema, ob es für sie ein bestimmtes Rennen gibt, welches gute Deckhengste hervorbringt. Unter den befragten Experten befand sich auch meine geschätzte Mentorin Alexandra Scrope, die rein historisch gesehen das Epsom Derby anführte, aber aufgrund der modernen Entwicklung habe sich diese Theorie komplett verschoben, da der klassische Steher inzwischen als Deckhengst nur bedingt zu vermarkten ist. Für mich gibt es noch die Version einiger hochklassiger Jahrgänge aus denen hervorragende Rennpferde und Deckhengste hervorgegangen sind, wobei ich auch der Meinung bin, dass das Derby traditionell eine tragende Rolle gespielt hat, aber besonders auch durch die Entwicklung des Marktes an Einfluss verloren hat.
Das Epsom Derby war im vergangenen Jahrhundert größtenteils in England und Irland das Maß aller Dinge. Einer der einflussreichsten Vererber diesbezüglich war der Swynford-Sohn Blandford, der mit dem englischen Triple Crown-Sieger Bahram sowie den weiteren Epsom Derby-Siegern Blenheim und Windsor Lad drei Top-Vererber stellte von denen Blenheim in den USA eine blühende Hengstlinie begründete. Weitere Top-Söhne Blandfords waren der Arc- und Poule d’Essai des Poulains-Gewinner Brantome sowie der Champion Stakes-Sieger Umidwar.
Blandford spielt auch in der deutschen Zucht eine tragende Rolle. Sein oben genannter Sohn Bahram stellte über Persian Gulf, Tamerlane und den brillanten deutschen 2000 Guineas-Sieger Dschingis Khan den bisher immer noch einzigen deutschen Triple Crown-Sieger Königsstuhl. Dschingis Khan stellte mit Orofino einen weiteren Sieger im Deutschen Derby, während Tamerlane in Deutschland vor allem auch als Vater des weiteren Derby-Siegers Alpenkönig und der in der Zucht sehr einflussreichen Diana-Siegerin Idrissa zeichnet.
Königsstuhl wurde 1976 geboren und gewann insgesamt acht Grupperennen, darunter neben dem Derby noch zwei Gruppe I-Rennen. Sein bester Jahrgangsgefährte war der Botticelli-Sohn Nebos, der Zweiter zu ihm im Deutschen Derby war und insgesamt sieben Grupperennen für sich entscheiden konnte, darunter bei vier Gruppe I-Siegen zweimal den Großen Preis von Berlin. Auch Nebos erwies sich als Spitzen-Vererber, das Deutsche Derby gewann für ihn Gestüt Ittlingen Laroche.
Königsstuhl erwies sich als absoluter Spitzen-Vererber und stellte mindestens je einen Gewinner in jedem der fünf klassischen Rennen in Deutschland. An der Spitze stehen die beiden Derby-Sieger Lavirco und Pik König sowie der unvergleichliche Monsun zu dem wir später noch kommen. Lavirco, Pik König und Monsun stammen sämtlich aus Stuten des 1977 im Deutschen Derby erfolgreichen Champion-Vererbers Surumu, der mit Acatenango, Mondrian und Temporal drei Gewinner im Deutschen Derby sowie den Derby Italiano-Sieger Osorio stellte. Surumu selbst entstamt einer „Derby-Dynastie“, zwar brach sein Erzeuger Literat im Derby nieder, aber die nächsten Väter Birkhahn, Alchimist und Herold als führender Sohn des Importhengstes Dark Ronald gewannen alle das Derby. Surumu zählt zu den einflussreichsten Vererbern der deutsche Zucht aller Zeiten, so stand er 1991 gleichzeitig an der Spitze der Statistiken der Vaterpferde, Väter der Zweijährigen sowie Väter der Mutterstuten.
Surumus bester Sohn Acatenango stellte mit Lando, Borgia und Nicaron ebenfalls drei Deutsche Derby-Sieger, dazu kommt der im französischen Derby siegreiche Blue Canari. Der Beste davon war der 1990 geborene Lando, Sieger in acht Grupperennen inklusive von sieben Gruppe I-Erfolgen, darunter das Deutsche Derby, zweimal der Große Preis von Baden und zum krönenden Abschluss der Japan Cup.
Der Jahrgang 1990 darf getrost als einer der stärksten Jahrgänge in der Geschichte der deutschen Vollblutzucht bezeichnet werden, denn neben Lando sind mit dem bereits erwähnten Monsun sowie Sternkönig und Kornado vier Gruppe I-Sieger an der Spitze zu nennen. Monsun konnte ebenfalls acht Grupperennen für sich entscheiden, darunter drei Gruppe I-Prüfungen, davon zweimal den Preis von Europa, und er war Zweiter zu Lando im Deutschen Derby. Sternkönig kam auf vier Gruppesiege, gewann auf höchstem Level den Deutschland-Preis und war Dritter im Deutschen Derby. Kornado erreichte sechs Gruppesiege, darunter auf höchstem Level ebenfalls den Deutschland-Preis sowie den ersten Hengstklassiker.
Lando stellte insgesamt sieben Gruppe I-Sieger an der Spitzen seiner Nachkommen, darunter den hoch erfolgreichen Globetrotter und lange Zeit als gewinnreichstes deutsches Sportpferd bewährten Paolini sowie den Preis von Europa-Sieger Scalo als Vater des Deutschen Derby-Siegers Laccario aus der gleichen Mutterlinie wie Lando selbst.
Der deutsche Ausnahme-Vererber und noch zu Lebzeiten in die Liste der „chefs-de-race“ aufgenomme Monsun stellte 22 Gruppe I-Sieger an der Spitze seiner Nachkommen, darunter die Deutschen Derby-Sieger Shirocco, Samum und Schiaparelli sowie den Derby Italiano-Gewinner Gentlewave. Darüber hinaus dürfen die internationalen Spitzen-Pferde Manduro und Novellist nicht ungenannt bleiben. Samum ist Vater des Deutschen Derby-Siegers Kamsin, Shirocco stellte mit Windstoß ebenfalls einen Derby-Sieger. Monsun-Töchter brachten allen voran 18 Gruppe I-.Sieger inclusive der Deutschen Derby-Sieger Pastorius, Lucky Speed und Sea The Moon sowie den französischen Derby-Sieger Vadeni, während Sea The Moon als Vaterpferd den Deutschen Derby-Sieger Fantastic Moon vorweisen kann.
Auch Sternkönig ist als Gruppe I-Vererber bewährt, sein Sohn Kallisto gewann das Derby Italiano und ist der Vater der Mutter des vorjährigen Derby-Siegers Hochkönig. Die Sternkönig-Tochter Wellenspiel genießt zudem als Mutter von vier Gruppesiegern mit den Derby-Siegern Windstoß und Weltstar an der Spitze Ausnahmestatus als Mutterstute. Darüber hinaus ist die Sternkönig-Enkelin Path Wind die Mutter des 2024 im Deutschen Derby erfolgreichen Palladium.
International gesehen möchte ich gerne den Jahrgang 1981 als ganz besonderen Jahrgang bezüglich Rennleistung und Vererberkraft anführen. Es ist das Geburtsjahr dreier Gruppe I-Sieger, Champions und Champion-Vererber. Allen voran der legendäre Northern Dancer-Sohn Sadler’s Wells, der fünfmal auf Gruppe-Level erfolgreich war, darunter auf klassischer Ebene in den Irish 2000 Guineas. Sadler’s Wells’ Status als Ausnahme-Vererber ist unbestritten, sein bester Sohn in der Zucht ist der über die Arc-Siegerin Urban Sea als Enkel der Schlenderhaner Lombard-Stute Allegretta ausgewiesene Epsom Derby-Sieger Galileo als Vater von 262 Gruppesiegern mit 104 Gruppe I-Siegern an der Spitze von denen alleine vier das Epsom Derby gewinnen konnten.
Sadler’s Wells’ Jahrgangsgefährte Darshaan gewann vier Grupperennen mit dem Prix du Jockey Club, dem französischen Derby (damals noch über 2400m) an der Spitze, welches 1984 besonders denkwürdig ausfiel als Darshaan vor Sadler’s Wells und Rainbow Quest durchs Ziel kam. Darshaan als Sohn des doppelten Derby-Siegers Shirley Heights und Enkel des weiteren Epsom Derby-Siegers Mill Reef profilierte sich ebenfalls als Champion-Vererber, wobei seine Töchter ganz besonders gut mit Sadler’s Wells und seinen Söhnen harmonierten, während sein auf der Bahn und in der Zucht bester Sohn der fantastische Dalakhani war.
Der Dritte im Bunde ist der Blushing Groom-Sohn Rainbow Quest mit Gruppe I-Siegen im Coronation Cup sowie 1985 nach einem dramatischen Endkampf und berechtigter Disqualifikation des Siegers Erfolg im Prix de l’Arc de Triomphe. Auch Rainbow Quest profilierte sich als mehrfacher Champion-Vererber, das Epsom Derby gewann für ihn Quest For Fame.